© Amadeu Antonio Stiftung

 

Jungenarbeit


Für den Bereich der geschlechterreflektierenden Jungenarbeit liegen seit mehreren Jahren differenzierte Praxiserfahrungen vor. An dieser Stelle sei stellvertretend auf die Veröffentlichungen des Vereins Dissens e.V. verwiesen, z.B. die Broschüre "Geschlechterreflektierte Arbeit mit Jungen an der Schule. Texte zu Pädagogik und Fortbildung rund um Jungenarbeit, Geschlecht und Bildung". Im Vergleich zu Ansätzen in der Mädchenarbeit liegen in der geschlechtsspezifischen Arbeit mit Jungen durchaus einige Praxiserfahrungen in der Rechtsextremismusprävention vor. Dies steht u.a. im Zusammenhang mit der Förderung in den Bundesprogrammen „Vielfalt tut gut Jugend für Vielfalt, Toleranz und Demokratie“ und "Toleranz fördern. Kompetenz stärken“.  Erste Erfahrungen aus der Praxis zeigen, dass auch für den Bereich der Jungenarbeit festgehalten werden muß, dass wir hinsichtlich der Übertragung von Erfahrungen aus der geschlechterreflektierenden Arbeit in die Rechtsextremismusprävention erst am Anfang stehen. An dieser Stelle sei auf die Ergebnisse der wissenschaftlichen Begleitung der Bundesprogramme verwiesen.

Boxtrainings für rechtsextrem orientierte Jungen?

Wirft man einen Blick in die 1990er Jahre, so lassen sich Ansätze finden, die an traditionell „männlichen“ Verhaltensweisen ansetzen. Hier wird oft die These vertreten, dass Jungen im Zuge der Modernisierung von Geschlechterbildern verunsichert sind. Es wird davon ausgegangen, dass Jungen - angeleitet durch männliche Fachkräfte - Sicherheit erhalten, wenn sie als traditionell männlich geltende Verhaltensweisen erproben können. Dementsprechend geht es nicht selten um „Aktionen und Abenteuer in der Jungengruppe“, um körperliche Betätigung, die Grenzerfahrungen einschließt oder um mythologische, esoterische Erklärungen für „männliche Identitäten“. Anschaulich wird dies bei Angeboten wie Boxtrainings, in deren Verlauf es neben der Wahrnehmung und Reflektion von „Agressionen“ um Orientierungen an Durchsetzungsvermögen und Dominanz geht. Anders gesagt: Geraten in solcherart Angeboten die rechtsextremen Einstellungen der Teilnehmenden aus dem Blick und werden Überschneidungen mit traditionellen Männlichkeitsvorstellungen nicht thematisiert, so kann dies – wenn auch ungewollt – mit einer Ausbildung für den Strassenkampf und einer Unterstützung rechter Strukturen einhergehen.

Hinterfragen des Systems hegemonialer Männlichkeit

In Abgrenzung zu diesen Ansätzen wäre es im Sinne einer geschlechterreflektierenden Arbeit angezeigt, traditionelle Männlichkeiten kritisch zu hinterfragen. Was jedoch heißt das konkret für die pädagogische Praxis? Grundsätzlich muß an dieser Stelle gesagt werden, dass es hierzu weiterer praxisbezogener Forschung bedarf. Nach wie vor liegt nur wenig Wissen darüber vor, wie innerhalb von Jungengruppen Prozesse von Ein- und Ausgrenzung und Gruppenbildung dazu führen, dass eine Reproduktion traditionell männlicher Verhaltensweisen stattfindet. Gleichzeitig weiß man bislang wenig, wie PädagogInnen diese Prozesse wahrnehmen und wie sie hierauf reagieren (können). Dennoch gibt es erste Überlegungen in diese Richtung, zusammenfassend kann man von der Notwendigkeit sprechen, das hierarchische System hegemonialer Männlichkeiten zu hinterfragen. Zu verweisen ist an dieser Stelle auf das Projekt Dissens e.V., dessen Erfahrungen aktuell in die Fortbildung von MultiplikatorInnen einfliessen.


Kritischer Umgang mit Gewalt und Dominanz

Grundsätzlich lässt sich festhalten, dass eine Anerkennung von traditionellen Männlichkeitspraxen gewalttätiges Handeln normalisiert. Aus pädagogischer Sicht ist es unabdingbar, diese Zusammenhänge in den Blick zu nehmen und kritisch zu hinterfragen. Gleichzeitig ist es wichtig, diejenigen Jungen, die traditionellen Vorstellungen von Männlichkeit nicht entsprechen, zu stärken und gegebenenfalls auch gegen entsprechende Anforderungen von peers zu schützen. Aufgabe von PädagogInnen sollte es sein, Jungen Freiräume zu geben, vielfältige Geschlechterrollen zu erproben.

Vorstellungen von Überlegenheit gegenüber Frauen und Männern, die schwachen Gruppen zugeordnet werden (z.B. migrantische und schwule Männer), gilt es, kritisch zu thematisieren. Die Auseinandersetzung mit homophoben und rassistischen Einstellungen ist gerade in der Auseinandersetzung mit rechtsextremen Einstellungen von Relevanz, da diese Vorstellungen von Ungleichwerigkeit zentrale Elemente rechter Ideologie sind.


Fortbildung von MultiplikatorInnen

Zusammenfassend lassen sich mehrere Punkte festhalten, die hinsichtlich einer geschlechterreflektierenden Praxis in der Rechtsextremismusprävention wichtig sind:
 

  • Wissensvermittlung über die Ausprägungen rechtsextremer Orientierungen unter Jugendlichen, Analyse der Einstellungen von Jugendlichen (Vergleiche hierzu die Broschüre des VdK Berlin (PDF-Dokument) )
     
  •  Wahrnehmen der Überschneidung biologistischer Geschlechterideologie in der extremen Rechten mit der sogenannten Mitte der Gesellschaft (z.B. Eva Hermann) – die Geschlechterordnung der „Volksgemeinschaft“ ist sehr anschlußfähig und dadurch eher unauffällig
     
  • Reflexion eigener Geschlechtervorstellungen und deren (biographischer) Entstehung 
     

Spezifisch für die Jungenarbeit ist außerdem besonders zu beachten:
 

  • Wahrnehmen von langfristigen Orientierungen in die rechte Szene und Reflexion geschlechtsspezifischer Funktionen für Jungen

 

  • Reflexion von Überlegenheitsvorstellungen rechter Ideologie und deren Kompatibilität mit traditionellen Männlichkeitsvorstellungen, Überlegenheit gegenüber Frauen und marginalisierten Männern
     
  • Genaues Beobachten von Jungengruppen und den Herstellungsprozessen „hegemonialer Männlichkeit“ im Sinne Connels 
     
  • Kritischer Umgang mit Gewalt und Dominanz