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Praxis


Bislang gibt es wenige Erfahrungen in der zivilgesellschaftlichen aber auch in der pädagogischen Praxis, die eine geschlechterreflektierende Perspektive einbeziehen. Allgemein betrachtet geht es darum, die Kategorie Geschlecht themenübergreifend mitzudenken: Was heißt Geschlechtergerechtigkeit, wenn ich mich in meinem Kiez, in meiner Kleinstadt für eine demokratische Alltagskultur engagieren möchte? Wie ist es möglich, im Klassenraum oder im Jugendzentrum geschlechterreflektierend zu arbeiten und was hat das mit demokratiepädagogischer Arbeit zu tun? Zunächst lässt sich fragen, was genau mit dem Begriff „geschlechterreflektierende Arbeit“ gemeint ist.

Das Problem starrer, deterministischer Geschlechtervorstellungen


Mit einem geschlechterreflektierenden Blick werden starre, deterministische Zuschreibungen qua Geschlecht kritisch hinterfragt. Es geht darum Aussagen infrage zu stellen, mit denen Jungen oder Mädchen bestimmtes Verhalten, – wie z.B. das Herumtoben auf dem Pausenhof oder die Fürsorge für jüngere Geschwister – biologisch begründet zugeschrieben wird. Mit solcherart Zuschreibungen werden Mädchen und Jungen, Frauen und Männer letztlich auf bestimmtes Verhalten festgeschrieben. Bei genauerer Betrachtung lässt sich sagen, dass es sich hierbei häufig um traditionelle, biologistische Vorstellungen handelt. Vermeintlich geschlechtsspezifisches Verhalten gilt nach wie vor oft als unhinterfragbar und „richtig“.

Rigide Geschlechtervorstellungen sind weit verbreitet 

Jene klassischen Vorstellungen darüber, was eine „richtige Frau“ und einen „richtigen Mann“ auszeichne, genießen gesamtgesellschaftlich weite Verbreitung. Deutlich wird dies beispielsweise in der breiten Zustimmung zu Buchveröffentlichungen wie „Das Eva-Prinzip“ oder „Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken“. Hier werden biologistische Vorstellungen bestätigt und Personen qua Geschlecht Eigenschaften und Verhalten zugeschrieben. Rechtsextreme Ideologie beinhaltet ebenfalls biologisch festgelegte, rigide Vorstellungen von Geschlecht. Hier zeigen sich Überschneidungen zu Einstellungen in der sogenannten Mitte der Gesellschaft. Das Problem geschlechterdeterminierender Vorstellungen lässt sich insofern nicht an einen extrem rechten Rand projizieren, vielmehr handelt es sich um ein Phänomen, das bis in die Mitte unserer Gesellschaft verbreitet.

Individuelle, vielfältige Orientierungen

Dies hat Folgen für die pädagogische Praxis: Grundsätzlich sind geschlechterdeterminierende Einordnungen aus pädagogischer Perspektive problematisch, da sie die Handlungsspielräume und individuellen Entwicklungsmöglichkeiten einschränken. Dass Geschlecht sozial konstruiert ist, dass es sich also um erlerntes und somit veränderbares Verhalten beim „Junge- und Mädchen-Sein“ handelt, gerät aus dem Blick. Lösen sich PädagogInnen von binären und festschreibenden Zu­ordnungen, so können sie Handlungsoptionen im Alltag von Mädchen und Jungen erkennen und aufzeigen. Kinder und Jugendliche erhalten Freiräume, um individuelle Rollenvorstellungen und Orientierungen zu entwickeln und zu leben. Ganz allgemein lässt sich sagen, dass es sich hier um eine demokratiepädagogische Herangehensweise handelt, in deren Zentrum Chancengleichheit und freie Entfaltung der Persönlichkeit stehen. Vielfalt und Individualität aber stehen rechtsextreme Vorstellungen diametral entgegen. Eine Demokratiepädagogik, deren Basis menschenrechtliche Positionen sind, kann insofern begründet als Prävention von Rechtsextremismus gelten.

Eine geschlechterrefflektierende Perspektive eröffnet Handlungsspielräume

Mit einer geschlechterreflektierenden Perspektive ist eine Haltung gemeint, mit der die Konstruiertheit der Kategorie Geschlecht mitgedacht wird. In den Blick geraten auf diesem Wege die strukturellen und individuellen Bedingungen, unter denen Geschlecht in sozialen Kontexten hergestellt wird. Hinterfragt wird, welche Funktionen bestimmte geschlechtsbezogene Rollen und Verhaltensweisen für einzelne Personen haben können. Das heißt konkret in Bezug auf die Rechtsextremismusprävention: Was motiviert heutige Mädchen und Jungen, sich in die rechtsextreme Szene hinein zu orientieren und welche Funktion kommen hierbei geschlechterbezogenen Vorstellungen zu? Wie erkenne ich diese Orientierungen und wie kann ich sie aufgreifen, hinterfragen und irritieren? Aus der praxisbezogenen Forschung und aus Rekonstruktionen der Biografien von AussteigerInnen aus der rechten Szene, lassen sich hier erste Überlegungen für die Praxis formulieren.
Für die konkrete pädagogische Praxis und die zivilgesellschaftliche Projektarbeit gibt es bislang nur wenige Antworten. Gemeinsam mit dem Arbeitskreis "Geschlechterreflektierende Rechtsextremismusprävention" hat die Fachstelle fachliche Standards für die Rechtsextremismusprävention entwickelt: Zum Positionspapier des Arbeitskeises

Auf den folgenden Seiten möchten wir weiter diskutieren, wie geschlechterreflektierende Ansätze in der Mädchen- und Jungenarbeit gestaltet sein können, welche Leerstellen und Potentiale in der Praxis und in der Wissenschaft vorliegen und nicht zuletzt bestehende Praxis vorstellen.