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Kathrin Oertel bei einer Pediga-Demo in Dresden

 

Pegida - Proteste von Männern?

Wie passt es zusammen, dass bei Pegida so viele unzufriedene Männer auf der Straße stehen, aber Frauen in Führungspositionen vorkommen? Aus Gender-Perspektive lassen sich interessante Erkenntisse gewinnen, wer sich warum bei den Rechtspopulist_innen wohlfühlt - und wer wann unterschätzt wird.

Die Berichterstattung über die Proteste, die sich wahlweise je nach Stadt Pegida, Kagida oder Bärgida nennen und seit spätestens Dezember letzten Jahres die Medien beschäftigen, zeichnet ein Bild von unzufriedenen mittelalten bis alten Männern, die protestieren. Aktuell liegen zwei Studien zu den Teilnehmer_innen vor; diese weisen ebenso auf eine große Mehrheit teilnehmender Männern hin. Die Zahlen schwanken hier zwischen 75% und 78% der an den Befragungen Teilnehmenden. Auch wenn die Repräsentativität der Erhebungen in Frage steht, prägen die Ergebnisse doch entscheidend unsere Wahrnehmung darüber, wer da auf die Straße geht. Aber die Frage, warum sich hauptsächlich Männer an diesen „Spaziergängen“ beteiligen, wird in den Medien nicht gestellt.

Männliches Fußvolk - weibliche Elite?

Dabei ist ein Blick auf die Proteste aus Genderperspektive in mehrfacher Hinsicht interessant. Lange war eine der führenden Köpfe Pegidas die Dresdnerin Kathrin Oertel. Sie wurde ins Fernsehen als „Pressesprecherin“ entsandt und rückte nach dem Rücktritt des Initiators Lutz Bachmann noch mehr in den Mittelpunkt der Öffentlichkeit, wobei in der Mediendarstellung weniger ihre politischen Aussagen beachtet werden, sondern – zumindest auf den ersten Blick – immer wieder ihr Äußeres ins Zentrum der Darstellung gestellt wird. Betrachtet man die Pegida-Proteste und Berichterstattung aus Genderperspektive, steht im Mittelpunkt die Frage, ob Frauen tatsächlich keine große Rolle bei den Protesten spielen und wenn ja, warum. Zudem wird thematisiert, warum möglicherweise soviele Männer hier protestieren und wofür diese Tatsache sprechen könnte.

Die Frauen reden nicht

Zwei Studien weisen auf eine deutliche Mehrheit an männlichen Demonstranten hin. Die Autor_innen der Studie des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB) gaben selbst an, dass sie aufgrund der geringen Anzahl der Befragten keine repräsentativen Aussagen über die Gesamtmenge der Protestierenden machen können – denn die Mehrheit der Demonstrant_innen lehnte eine Befragung ab. Allerdings weisen die Autor_innen auch darauf hin, dass die Forschungsteams viel weniger Frauen im Demonstrationszug beobachtet haben. Außerdem wurden teilnehmende Frauen vom Forschungsteam als besonders verschlossen wahrgenommen. Hinzuzufügen ist, dass bei der Fernsehberichterstattung auffällt, dass in Interviewsituationen mit (Hetero-)Paaren, häufig der Mann redet, während die Frau ihm beipflichtet oder zuhört. Ob also Frauen bei den Pegida-Protesten deutlich weniger oder nur am Rande vorkommen, ist mit einem ersten kritischen Blick nicht ohne weiteres nachgewiesen.

Aber einige Frauen führen

Auffällig ist, dass verschiedene Frauen eine zentrale Rolle in der Organisation der Proteste spielen. Kathrin Oertel ist der Öffentlichkeit inzwischen gut bekannt – jedoch mehr aufgrund der verbreiteten detaillierten Berichterstattung zu ihrer äußeren Erscheinung als durch ihre inhaltlichen Aussagen. Nach ihrem Auftritt bei Günter Jauch wird immer wieder auf Oertel als „die junge Frau mit den langen blonden Haaren“, den „nachgezogenen Augenbrauen“,die auf „dünnen, hohen Absätzen“ ins Studio kam, Bezug genommen. Ähnlich ist es auch wenn über ihre Redebeiträge auf den Demonstrationen selbst gesprochen wird (vgl. n24, sueddeutsche.de, Spiegel). Dabei sind diese Redebeiträge durchaus eine nähere Betrachtung wert; denn Oertel vermittelt in ihren Reden eine deutliche Positionierung Pegidas. So verkündete sie am 15. Dezember in einer Rede in Dresden: „Wir sind alle rechts. Wir verfolgen rechte Politik, wir sind Patrioten, wir lieben unser Vaterland, wir lieben unsere Heimat, und wir wollen diese schützen […]“ (YouTube). Pegida wird keineswegs - wie ein Vorwurf von Pegida-Teilnehmer_innen an Presse und Politik immer wieder lautet (FR) - von Außen in die „rechte Ecke“ geschoben, sie positioniert sich selbst genau dort. Unter den Pegida-Teilnehmer_innen finden sich moderne Rechte, Hooligans, Rechtspopulist_innen und Nazis. Eine inhaltlich klare Abgrenzung der Pegidas in irgend eine Richtung bleibt jedoch aus.

Eine zweite prominente Rednerin und Organisatorin der Pegida-Ableger in Düsseldorf und Köln ist Melanie Dittmer. Sie ist als rechtsextreme Aktivistin bekannt; das Organisationsteam von Pegida Dresden distanziert sich von ihr. Dittmer hat dennoch die Proteste im Dunstkreis von Pegida außerhalb Kölns entscheidend mitgeprägt. Hier zeigt sich nicht nur deutlich eine der Schnittstellen zwischen Pegida und der rechtsextremen Szene, sondern auch, dass Frauen organisatorisch selbst gegen Widerstände sehr viel erreichen – obwohl oder gerade weil sie häufig unterschätzt und übersehen werden (vgl. AAS).

Warum finden Männer Pegida unterstützenswerter als Frauen?

Andererseits stellt sich aus Gender-Perspektive die Frage, warum es in der Mehrheit Männer sind, die in Dresden, in Leipzig oder Berlin gegen die vermeintliche „Islamisierung des Abendlandes“ auf die Straße gehen - und dagegen aber mehr Frauen die Proteste unterstützen ("NoPegida" hat 40 % Frauen unter den Demonstrant_innen, vgl. Spiegel). Wenn man sich Interviews mit Pegida-Teilnehmer_innen, die Studien und Redebeiträge auf den Demonstrationen anschaut, fällt neben einer vermeintlichen Angst vor einer „Überfremdung“ und einer Ablehnung von Presse und Politiker_innen auch eine grundsätzliche Ablehnung von Gender Mainstreaming auf.

Feindbild Geschlechtergerechtigkeit

Gender als Feindbild und ein massiver Antifeminismus sind nicht nur in der rechtsextremen Szene verbreitet.  Die Ablehnung des „wahnwitzigen 'GenderMainstreaming'“, so Punkt 17 aus dem Positionspapier von Pegida, ist durchaus anschlussfähig an die (konservative) Mitte der Gesellschaft  - ebenso wie die hiermit verbundenen traditionellen und biologistischen Geschlechtervorstellungen. Auch die inhaltlichen und personellen Überschneidungen zwischen Pegida und der AfD weisen darauf hin, dass die antifeministische Bewegung in Deutschland mit Pegida Zuwachs bekommt.  Die „Alternative für Deutschland“ (AfD) fällt seit ihrer Gründung immer wieder durch Antifeminismus, Homophobie und eine Ablehnung des Gendermainstreamings auf. Eine Studie des Gunder-Werner-Instituts weist 2012 auf die Brisanz antifeministischer Ideologien hin. Um die Nähe zwischen Anti-Feminismus und rechtsextremen Strömungen zu unterstreichen, wird auf die inhaltlichen Überschneidungen zwischen den Behauptungen des norwegischen rechtsextremen Attentäters Anders Breivik und antifeministischen Kreisen verwiesen. Pegida lehnt die aktuelle Gleichstellungspolitik in Deutschland und der EU ab und setzt sich für den Erhalt der „klassischen“ Familie ein. Gerade in diesen zwei Punkten zeigen sich Schnittmengen mit anderen „Bürger_innen-Bewegungen“, die aktuell bundesweit gegen die sogenannte Frühsexualisierung auf die Straße gehen - neben der AfD beispielsweise sind das „besorgte Eltern“ und Evangelikalen (taz). Auch wenn Argumente für mehr Männerrechte eventuell anschlussfähig wirken, stellt das Engagement gegen Gendermainstreaming und emanzipatorischen Bewegungen eine Gefahr für die Demokratie dar. Praktisch besteht dieses „Engagement“ sowieso vor allem verbunden aus Hassmails und Morddrohungen gegenüber feministischen Blogger_innen und Wissenschaftler_innen.

Die Bewegng hat keine klaren Angebote für Frauen

Bei den Pegida-Demonstrationen werden also überall antifeministische, gegen Gleichstellung gerichtete Positionen vertreten. Dies ist eine mögliche Antwort auf die Frage, warum vorwiegend Männer an Pegida teilnehmen. Das Festhalten an traditionellen Rollenbildern deutet an, dass die Demonstranten ihre eigenen Privilegien in Gefahr sehen und verteidigen wollen. Die Bewegung macht bezüglich Gleichstellung keine klaren Angebote für Frauen. Verschiedene Wahlstudien zeigen, dass antifeministische Parteien, wie die AfD oder die FPÖ, deutlich weniger weibliche Wählerinnen haben (FAZ).

Sexismus und Unterschätzung in der gesellschaftlichen Wahrnehmung rechter Frauen

„Wir wollen unsere Traditionen behalten und keine falsche Rücksicht nehmen müssen!“ Diese Forderung aus dem Aufruf zu Pegida-Demonstration vom 8.12.2014 in Dresden fasst die Stimmung der Pegida-Teilnehmer_innen treffend zusammen – es geht ihnen angeblich um den Erhalt „traditioneller“ Werte, den Erhalt des sogenannten „Abendlandes“ ohne „Überfremdung“, „Islamisierung“ und um die Abschaffung des „Genderismus“ (weiterdenken.de). Die Angst vor einer Erschütterung der traditionellen Rollen scheint ein zentrales Moment der Proteste zu sein. Auch der konstruierte Kontrast zwischen dem deutschen Beschützer und dem bedrohlichen muslimischen Mann erzeugt eine feindliche Stimmung gegenüber als muslimisch wahrgenommenen Menschen und zeigt die enge Verknüpfung von Rassismus und Gender. Auch wenn eine Mehrheit der Protestierenden männlich zu sein scheint, dürfen Frauen, gerade auch in Verbindung mit der rechten Szene, nicht übersehen und unterschätzt werden. Die Reduzierung aufs Äußere mag beliebt in der Berichtserstattung sein, birgt aber (abgesehen davon, dass dies schlicht sexistisch ist) die Gefahr, dass die Äußerungen einer Kathrin Oertel bagatellisiert werden und so die Gefahr, die in ihnen steckt, nicht wahrgenommen wird. Tatsächlich ist sogar davon auszugehen, dass „Pegida“ diese sexistische gesellschaftliche Wahrnehmung rechter Frauen bewusst nutzte – eine leicht verschüchtert auftretende, mit vielen optisch weiblichen Attributen ausgestattete Person wie Oertel, die auch noch gern auf ihre Mutterschaft argumentativ Bezug nahm, wurde dann auch von Günter Jauch oder auf der Pegida-Pressekonferenz verbal weit weniger hart angegangen als ihre männlichen Kollegen. Taktisch allerdings ist sie denen sogar voraus: Kathrin Oertel hat gerade jetzt, da Pegida wegen immer mehr Rassismus und Menschenverachtung in die Kritik gerät, einen neuen, weniger rechtspopulistischen Verein gegründet, mit dem sie in Zukunft auf die Straße will: „Direkte Demokratie für Europa“.

Mareike Trawnik