01.05.2006 Leipzig © Recherche Nord

 

Warum Gender in der Rechtsextremismusprävention?

 

Aus mehreren Perspektiven läßt sich ein geschlechterreflektierender Blick in der Arbeit gegen Rechtsextremismus als sinnvoll und erforderlich beschreiben.
 
Phänomene bleiben unerkannt
 
Ganz allgemein läßt sich sagen, dass ohne eine geschlechterreflektierende Perspektive bestimmte Phänomene und Entwicklungen, die für die Arbeit gegen Rechtsextremismus wichtig sind, unerkannt und damit unbeachtet bleiben. Mit einem geschlechterreflektierenden Blick lässt sich zeigen, was rechtsextreme Gruppierungen im Inneren zusammenhält und wie der moderne Rechtsextremismus funktioniert. Auf den ersten Blick wird dies deutlich, betrachtet man die geringe Wahrnehmung rechtsextremer Frauen, ihrer Aktivitäten und Positionen seitens der Öffentlichkeit sowie  der Zivilgesellschaft. Auch wenn Medien in den vergangenen Jahren vermehrt hierüber berichten, wird Rechtsextremismus noch häufig als „männliches Phänomen“ betrachtet. Hierbei gerät jedoch aus dem Blick, dass Frauen verschiedene Positionen in rechten Gruppen einnehmen und auf unterschiedlichen Wegen versuchen, ihre Ideologie beispielsweise über soziale Themen in verschiedene Milieus hineinzutragen. Nicht selten verstellt das stereotype Bild von einer „Friedfertigkeit der Frau“ hier die Wahrnehmung.Ebenso werden ohne einen geschlechterreflektierenden Blick bestimmte Männlichkeiten nicht beachtet bzw. unkritisch übernommen. Das heißt beispielsweise für die Praxis der Jugendarbeit, dass dominante, ausgrenzende Verhaltensweisen von Jungen nach wie vor häufig als „normal“ wahrgenommen werden bzw. unkritisch begegnet.
 
Stereotype Vorstellungen können ganz generell die Wahrnehmung einschränken. So werden Angehörige der rechten Szene oft nicht als solche erkannt, wenn sie den Vorstellungen über körperliche Merkmale und den Kleidungsstil eines gewaltbereiten Hooligan nicht entsprechen und sich rechtsextremer Ideologie eher theoretisch nähern. Eine geschlechterrefflektierende Perspektive sollte insofern immer einhergehen mit Reflektionen von Zuschreibungen und Konstruktionen auf verschiedenen Ebenen.
 
Handlungsbedarfe und Interventionsmöglichkeiten bleiben unbeachtet

Ohne einen geschlechterreflektierenden Blick bleiben ganz konkrete Handlungsbedarfe und Interventionsmöglichkeiten in der Praxis unbeachtet. Das betrifft die zivilgesellschaftliche Projektarbeit ebenso wie die (jugend)pädagogische Praxis.
Im Folgenden sollen einige Bereiche beispielhaft aufgezählt werden. Diese Bedarfe sind in der Praxis deutlich geworden, u.a. in der Arbeit des Projektes „Lola für Ludwigslust“. Sie sind als erste Überlegungen und Ansätze gedacht. Es besteht weiterer Entwicklungsbedarf in vielen Bereichen, wir gehen davon aus, dass wir die Liste in Zukunft ergänzen werden.
 
  1. Geschlechterreflektierende Ansätze in der pädagogischen Praxis
  2. Fortbildungsangebote für Professionelle aus verschiedenen Bereichen, die in ihrer beruflichen Praxis mit Kindern arbeiten und mit Eltern in Kontakt kommen, die in rechtsetxremen Familien leben
     
  3. Geschlechtsspezifische Angebote für AussteigerInnen aus der rechten Szene
     
  4. Umgang mit völkischen Familien in ländlichen Regionen
     

Gemeinsam mit dem Arbeitskreis "Geschlechterreflektierende Rechtsextremismusprävention" hat die Fachstelle fachliche Standards für die Rechtsextremismusprävention entwickelt: Zum Positionspapier des Arbeitskeises

An dieser Stelle sei auf die Publikation von Dr. Esther Lehnert  Gender und Rechtsextremismusprävention verwiesen.