15.09.2007 Hannover © Recherche Nord

 

Mädchen und Frauen im Rechtsextremismus

Im Verlauf der 1990er Jahre begannen Forscherinnen und Praktikerinnen vermehrt nach Motiven, Selbst- und Rollenbildern, biografischen Verortungen und der Einsozialisation von Frauen in rechtsextremen Szenen zu fragen. Die Untersuchungsergebnisse stellten das weitläufige Bild der Frau als das friedliebende Geschlecht grundständig infrage. Empirische Befunde zeigten Ausdifferenzierungen im Selbstverständnis rechter Mädchen und Frauen auf: So wurde vielfach darauf verwiesen, dass sich die Vorstellungen zur Geschlechterrolle und zum Geschlechterverhältnis erweitert haben. Neben differenztheoretischen, traditionellen Orientierungen an Mutterrolle und Familie finden sich „modernisierte“ Lebensentwürfe, in denen sich rechtsextreme Frauen neben der häuslichen Sphäre selbstverständlich in den öffentlichen Bereich der Politik einbringen und dort eigene Ziele vertreten.
 
Entsprechend jener Ausdifferenzierung weiblicher Rollen innerhalb rechtsextremer Szenen besetzen Mädchen und Frauen heute die verschiedensten Positionen: Man findet sie als „Mitläuferin“ ebenso wie als Kader rechter Gruppierungen, sie engagieren sich genauso selbstverständlich für rechtsextreme Parteien in der Kommunalpolitik wie sie auch als Betreiberin subkultureller Szenetreffpunkte auffallen. In ihrer Betätigung als sogenannte Anti-Antifa-Aktivistin setzen sie auf ihre weitgehende Unauffälligkeit als weibliche Vertreterinnen einer zunächst mit martialischen Männern in Verbindung gebrachten Szene; als Musikerin oder Autorin erfahren sie Zuspruch von weiten Teilen der Szene.
 
Rollenvielfalt gleich Emanzipation?
 
Fragt man nach den Ursachen der beschriebenen Ausdifferenzierung weiblicher Rollen innerhalb rechtsextremer Gruppierungen, so läßt sich darauf verweisen, dass bereits in der nationalsozialistischen Ideologie eine Erweiterung weit verbreiteter bürgerlicher Rollenvorstellungen zu finden ist. Darüber hinaus nehmen gesamtgesellschaftliche Entwicklungen, wie die zunehmende Gleichberechtigung der Geschlechter, Einfluß auch auf rechtsextreme Milieus. Mädchen und junge Frauen verfügen heute sehr viel häufiger als vor 30 Jahren über ein positiveres Selbstbild und gehen selbstverständlicher davon aus, sich selbst verwirklichen zu können. Beispielhaft zeigt sich dies an der Gruppe Mädelring Thüringen: Rechtsextreme Mädchen und junge Frauen machten sich stark für einen „Nationalen Feminismus“. Sie diskutierten über die Positionen, welche Frauen  innerhalb der gemischtgeschlechtlichen Gruppen einzunehmen haben. So ging es beispielsweise darum, ob sich Frauen bei Demonstrationen in gewalttätigen Situationen beteiligen dürften, ob sie zu gleichen Anteilen wie Männer politische Mandate und Führungspositionen einnehmen könnten. Mittlerweile ist die Homepage der Gruppe geschlossen worden.
Lassen sich diese Positionen jedoch als emanzipativ beschreiben?  Auch wenn Frauen hier gleichberechtigte Positionen einfordern, liegt diesen Ansätzen ein undemokratisches Weltbild zugrunde, das von Ungleichwertigkeit von Menschen, von Ausgrenzung und Rassismus geprägt ist. Es handelt sich mitnichten um emanzipatorische Vorstellungen, vielmehr werden Personen ausgegrenzt, die als außerhalb der „Volksgemeinschaft“ definiert werden. Zur Gefahr von Anschlüssen rechtsextremer Ideologie an feministische Positionen hier ein Interview mit Renate Bitzan.
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